Verdrängung

Snak befand sich gerade auf dem Weg in die Küche der Crescent, sein Salandrai-Partner Kriru im Schlepptau. Genervt knirschte Snak mit den Zähnen, warf dem Boden vor sich böse Blicke zu, als ob dieser etwas für seine Laune könne. Plötzlich blieb er stehen, drehte sich schwungvoll um.

»Warum gehst du mir nur immer so auf die Nerven!«

Erschrocken blieb Kriru stehen, wich einen Schritt zurück. Er hielt beide Hände schützend vor sich, in der Hoffnung, Snak so zu beschwichtigen. Auch wenn er die Gefühlsausbrüche des anderen mittlerweile gewohnt war, so waren diese dennoch nicht weniger furchteinflößend.

»Was hab‘ ich denn gemacht?«, fragte Kriru leise nach.

Der Gefragte überlegte, begann leise zu grummeln, als ihm keine passende Begründung einfiel. Er verschränkte die Arme und drehte sich zur Seite.

»Du … du hängst dauernd wie eine Plaquak an mir!«

Nun war es für Kriru an der Zeit die Arme zu verschränken. Er blickte Snak ernst an, während dieser stur zur Wand des Ganges sah.

Ein kurzes Schweigen ließ die Gemüter abkühlen. Schließlich schüttelte Kriru den Kopf und seufzte.

»Ich war heute den ganzen Tag nicht in unserem Zimmer, hab dich stattdessen in Ruhe gelassen. Jetzt wollte ich doch nur was zu trinken holen!«

Snak öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, doch als ihm erneut kein gutes Argument einfiel, ließ er es sein. Von seinem eigenen Verhalten peinlich berührt sah er zu Boden.

»Ach, ich weiß auch nicht. Es nervt einfach.«

Normalerweise war es der Heiler, der seinen Emotionen, ohne nachzudenken, freien Lauf ließ, während Kriru meist grinste. Doch als Snak im Blick seines Partners sah, dass er ihn verletzt hatte und dieser keine Anstalten machte dies zu verbergen, bereute er seine Worte sofort inständig.

»Tut mir leid, dass du dich dazu genötigt gefühlt hast mich zu retten! Vielleicht reicht es ja, wenn wir uns zweimal am Tag kurz an der Hand nehmen. Bis später!«

Ohne Zögern drehte Kriru sich um, ging in Richtung ihres Zimmers davon. Snak biss sich auf die Unterlippe, überlegte, ob er ihm folgen sollte. Trotz seines schlechten Gewissens brachte er es jedoch nicht fertig. Stattdessen setzte er seinen Weg zur Küche fort, in Gedanken versunken. Ein Rotschimmer legte sich auf seine Wangen.

›Scheiße! Wieso geht mir das jetzt nur so nah. Wenn ich es nicht besser wüsste …‹

Er trank in der Küche lediglich ein Glas Wasser, der Appetit war ihm vergangen.

Aus Mangel an Alternativen setzte sich Snak in den Gemeinschaftsraum und starrte aus dem Fenster. Das Vorbeiziehen der Sterne beruhigte ihn, doch noch immer hatte er ein ungutes Gefühl im Magen.

Erst als das Sofa neben ihm etwas absackte, bemerkte er Kryokrishna, die sich zu ihm gesellte. Wäre die Tatsache, dass die Verteidigerin freiwillig auf ihn zuging, nicht schon ungewöhnlich genug, fragte sie ihn auch noch, wie es ihm ging.

›Ich sehe wohl genauso schlecht aus, wie ich mich fühle.‹

Als Kryokrishna auf ihre Frage keine Antwort bekam, sah sie sich im Raum um.

»Kriru gar nicht bei dir?«

Snak zuckte verräterisch zusammen, was Kryokrishnas Vermutung direkt bestätigte.

»Möchtest du darüber reden?«

»Ich weiß nicht, was ich da erzählen soll.«

»Warum habt ihr euch verkracht?«

Schwungvoll schmiss sich Snak zurück in die Polster, verschränkte seine Arme und grummelte leise vor sich hin.

»Ist das so offensichtlich?«

Kryokrishna lachte: »Schon etwas. Was hat er denn angestellt?«

Schuldbewusst ließ Snak den Kopf hängen.

»Er weicht mir nicht mehr von der Seite, was mich stresst. Das hab‘ ich ihm auch gesagt.«

Verständnisvoll nickte sie, legte eine Hand auf Snaks Schulter.

»Das kann ich mir schon vorstellen, würde mir genauso gehen. Aber euch bleibt ja nichts anderes übrig, als damit klarzukommen, oder?«

»Leider, ja.«

Kryokrishna überlegte, was sie tun konnte, um Snak aufzumuntern.

»Ich finde es toll, dass du ihn gerettet hast. Gerade weil er dir so unsympathisch war. Das zeigt, wie gutmütig du bist.«

»Na ja, war ja auch eigennützig.«

Verlegen kratzte sich Snak am Hinterkopf.

»Du hättest aber doch noch die Chance gehabt, ohne ihn zu überleben. Hattest du das in Erwägung gezogen?«

Snak dachte an den Tag, an dem sein Vater ihm Kriru als Salandrai-Partner vorstellte und an die Wochen danach. Er schloss die Augen und fuhr sich mit Daumen und Zeigefinger seiner rechten Hand über beide Lider.

»Nur kurz. Er hat sich wirklich viel Mühe gegeben, damit ich ihn nicht mehr aus dem Kopf kriege.«

Als er wenige Augenblicke später die Augen wieder öffnete, sah er ein breites Grinsen auf Kryokrishnas Gesicht.

»Macht dir das vielleicht Angst?«

Nun bereute er, dass er sich ihr anvertraut hatte. Er sah sie so böse an, wie es seine Nervosität zuließ, doch seine geröteten Wangen verrieten ihn.

»Ich weiß, worauf du hinaus willst …«

»Und?«

Das Grinsen der Verteidigerin wurde breiter, verschwand ihr dann aber augenblicklich aus dem Gesicht.

»Wie geht es eigentlich Malique?«

Snak begann zu lachen, als Kryokrishna rot wurde und um eine schlagfertige Antwort rang. Sie stellte fest, dass sie Snak noch nie so fröhlich erlebt hatte. Schließlich gab sie auf und stimmte in sein Lachen ein.

Noch eine Weile saßen sie da, unterhielten sich und stellten schnell fest, dass sie sich ähnlicher waren, als es zunächst den Anschein machte. Doch Snak ließ das ungute Gefühl in seiner Magengegend nicht los, sodass er sich dazu entschied, etwas dagegen zu unternehmen.

»Ich geh mich dann mal bei Kriru entschuldigen. Danke dir, Kryo.«

»Gern geschehen. Wenn wieder mal etwas ist, du weißt ja, wo du mich findest.«

Mit einem Lächeln verabschiedete er sich und ließ die Verteidigerin zurück, die zu ihrem Leidwesen sofort an Snaks Frage dachte. Sie fuhr sich durch die Haare und starrte nun selbst gedankenversunken aus dem Fenster.

Snak spitzelte in sein Zimmer und schlich hinein, als er Kriru auf dem Bett liegend vorfand. Zu seiner Überraschung setzte dieser sich direkt auf, obwohl er sich Mühe gegeben hatte, möglichst leise zu sein.

»Hallo«, sagte Kriru trocken, als Snak kein Wort herausbrachte.

»Hi …«

Snak sah auf den Boden. Die Worte, die er sich zuvor zurechtgelegt hatte, waren aus seinem Kopf verschwunden.

Plötzlich bemerkte er zwei starke Arme, die sich um ihn legten. Kriru drückte ihn fest an sich.

»Sag mir einfach, wenn es dir zu viel wird.«

Snak nickte, die Anspannung wich von ihm.

»Tut mir leid.«

»Schon okay.«

Kriru löste die Umarmung, lächelte verständnisvoll. Snaks Blick blieb an den Lippen seines Gegenübers hängen, wanderte dann zu seinen Augen. Er bemerkte, dass Krirus Pupillen sich etwas weiteten, während er ihn ansah.

»Snak?«

Der Angesprochene zuckte zusammen, wich vor Aufregung einen Schritt zurück.

»Ja?«

»Nimm dir die Zeit, die du brauchst!«

Kriru zwinkerte ihm zu, verließ dann in weiser Voraussicht schnell das Zimmer.

Augenblicklich begann Snak die aufkommenden Gefühle zu verdrängen, denn sie überforderten ihn. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals, als er seinem Partner hinterher sah, unfähig seine Emotionen in Worte zu fassen. Doch dann schlich sich ein Lächeln auf seine Lippen.

»Danke«, flüsterte Snak, obwohl Kriru ihn schon nicht mehr hören konnte.

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