Vanitas

›Das ist also die ISSO!‹

Lächelnd hing sie an der Scheibe, sah durch ein kleines Fenster hinaus auf eine Raumstation. Diese war das Beeindruckendste, das sie jemals gesehen hatte. Ihre Ausmaße waren gewaltig, die Architektur beeindruckend und die Tatsache, dass sie um einen Stern herum gebaut worden war und Energie von diesem nutzte, toppte dies alles noch zusätzlich. Eine Weile beobachte Kryokrishna, wie sich die einzelnen Trakte der ISSO drehten.

Es dauerte nicht lange, bis sie die Genehmigung zum Ausstieg erhielt. Kaum hatte sie einen Schritt aus dem Raumschiff gemacht, blieb sie stehen, drehte sich fasziniert im Kreis, schaute sich den Hangar genau an.

›Sie ist wunderschön!‹

Mit ihr verließen ein Dutzend andere Neuankömmlinge das Gefährt, betrachteten die Umgebung so, wie sie es tat. Einige fassten kaum, dass sie die Aufnahmeprüfung der ISSO bestanden hatten, lachten und sprangen aufgeregt herum, andere dagegen bereuten ihre Entscheidung bereits zutiefst, da sie das Heimweh plagte.

»Willkommen auf der Haupt-Raumstation der ISSO. Sie haben sich qualifiziert, Teil unserer Besatzung zu werden. Hierzu möchte ich Sie beglückwünschen und Ihnen zeitgleich meinen Dank für Ihr Interesse aussprechen!«

Eine junge Iknesierin, die für ihre Spezies ein ausgesprochen stark geschwungenes Hörnerpaar auf ihrem Kopf trug, verbeugte sich und drehte sich bereits zum Gehen um.

»Folgen Sie mir bitte. Um Ihre Aufnahme abzuschließen, bedarf es einer Gesundheitsprüfung.«

Noch bevor ihr jemand eine Frage stellen konnte, ging sie davon, sah auch nicht zurück, um die Vollzähligkeit der Neuankömmlinge zu überprüfen. Kryokrishna war davon nicht nur etwas irritiert, entschied sich jedoch dafür, ihr zu folgen, bevor sie den Anschluss verlor.

Im Vergleich zum Hangar waren die Gänge, durch die sie gebracht wurden, relativ unspektakulär. Weiß und Silber waren die dominierenden Farben, Dekoration gab es keine.

›Total trist, fast wie bei mir zuhause. Schade eigentlich. Aber wahrscheinlich ist das wegen dem Arbeitsschutz so, nicht, dass da einer über was stolpert. Wobei, so ein, zwei Bilder ...‹

Kryokrishna zuckte mit den Schultern, einigte sich mit sich selbst darauf, dass es gute Gründe hierfür geben musste.

Als sie ihren Blick schweifen ließ, stellte sie überrascht fest, dass sich nur drei Leute hinter ihr befanden, zwei Jungen und ein Mädchen – der Rest hatte den Anschluss verloren. Einer der beiden jungen Männer lächelte Kryokrishna zu, was sie zwar irritierte, doch sie erwiderte das Lächeln aus Höflichkeit, bevor sie sich wieder nach vorne umdrehte.

›Eigentlich ganz süß‹, schmunzelte sie, biss sich auf die Unterlippe.

Er schloss zu ihr auf und strich sich in dem Moment, als Kryokrishna ihn ansah, seine schwarzen Haare aus dem Gesicht. Erst jetzt fielen ihr die stechend gelben Augen auf, die in ihr den Eindruck erweckten, er könnte sehen, was sie dachte.

»Darf ich deinen Namen erfahren, hübsche Lady?«

Kryokrishna prustete bei diesem Spitznamen, dennoch färbten sich ihre Wangen etwas rot.

»Kryokrishna. Und dein Name ist ... ?«

»Verrat ich dir bei unserem ersten Date!«

Kryokrishna konnte spüren, wie ihr Blut in ihr Gesicht schoss. Peinlich berührt drehte sie sich zur Seite. Sie benötigte einen kurzen Augenblick, um sich zu fangen und nach einer geeigneten Antwort zu suchen.

»Du glaubst doch nicht wirklich, dass ich mich auf ein Date einlasse, wenn ich den Namen meines Gegenübers noch nicht einmal kenne?«

Der Junge lachte leise, nickte zustimmend.

»Stimmt, so siehst du nicht aus«, er streckte ihr seine Hand hin, »Jolis!«.

Kryokrishna nahm seine Hand und grinste: »Jolis? Wo gibt's denn so nen Namen?«.

»Wefiolz. Ein bisschen weg vom Schuss, ich weiß. Woher kommst du?«

»Phobetor!«, antwortete Kryokrishna, der es selbst unheimlich war, wie überzeugend diese Lüge über ihre Lippen kam.

»Dann kommst du also auch nicht aus einer Region, die so dicht besiedelt ist. Schon haben wir eine Gemeinsamkeit gefunden!«

Kryokrishnas Herz machte einen Satz, sie war geschmeichelt von Jolis' Worten.

Ehe sie ihr Gespräch fortsetzen konnten, blieb die junge Frau, der sie die ganze Zeit über folgten, stehen und machte eine schwungvolle Drehung.

»Hier sind wir. Bitte setzt euch hin, gleich kommt unser medizinisches Fachpersonal und holt euch nach und nach zur Untersuchung. Wir sehen uns dann bei der Team-Vergabe heute Nachmittag, bis dann!«

Eiligen Schrittes spurtete sie davon, kümmerte sich weder weiter um sie noch um die, die sie in den Gängen verloren hatte.

›Die ist ja drauf ...‹, staunte Kryokrishna. Zu dieser Zeit ahnte sie noch nicht, dass sie in absehbarer Zeit dasselbe Verhalten an den Tag legen würde, sofern sie eine entsprechende Aufgabe bekam.

Nach kurzer Wartezeit öffnete sich die Tür zum Untersuchungszimmer. Eine tiefe Stimme rief Jolis hinein, der Besitzer dieser zeigte sich jedoch nicht.

Jolis stand auf und zwinkerte Kryokrishna zu, bevor er im Zimmer verschwand. Sie verschränkte die Arme und starrte auf den Boden vor sich.

›Der geht ja ran. Hätte ja nicht gedacht, dass hier jemand Interesse an mir zeigt ... und dann noch so schnell.‹

Eine wohlige Wärme breitete sich in ihr aus, als sie dies dachte, ein Lächeln schlich sich auf ihr Gesicht. In Gedanken versunken verging die Zeit wie im Fluge, die Tür öffnete sich erneut und Jolis kam heraus, setzte sich neben sie. Doch ehe er etwas sagen konnte, rief man Kryokrishna bereits hinein.

Kryokrishna sah in das Gesicht der Gestalt, nachdem sie das Zimmer betreten hatte, doch hatte kaum Zeit, sich die auffälligen Konturen der Wangenknochen näher anzusehen, da sie sich sofort wegdrehte.

»Hier hinhocken, bitte.«

Die leichte Wortkargheit war Kryokrishna sympathisch, redete sie selbst an einem Tag doch wenig bis gar nicht. Die Informationen, die in der letzten Zeit auf sie eingeprasselt waren, genügten ihr für eine Weile. Während ihr ein Impfstoff injiziert wurde, was sie ohne Zucken über sich ergehen ließ, dachte sie über ihre Begegnung mit Jolis nach.

›Also ihm würde ich sogar glatt noch eine Weile zuhören wollen.‹

Ein Lächeln schlich sich auf ihr Gesicht, was die Heilerin mit einer hochgezogener Augenbraue quittierte.

»Sie sind die erste Kadettin, die bei dieser Kanüle lächelt.«

Kryokrishna betrachtete besagtes Objekt, das die Ärztin in diesem Moment von ihrem Oberarm wegzog. Ihr wurde angesichts dieses Anblicks doch etwas mulmig, doch versuchte, es sich nicht weiter anmerken zu lassen.

»Hab ich es schon hinter mir?«

Das Lachen der Heilerin, – durchzogen mit Klackern und Quietschen – brachte Kryokrishna ebenfalls zum Kichern.

»Sie haben ganz schön Mumm.«

Kryokrishna nahm das Lob schmunzelnd zur Kenntnis, folgte dann der nächsten Anweisung, ihre Augen zu schließen. Sie spürte, wie etwas über ihren Kopf gestülpt wurde, das starke Vibrationen aussendete. Ehe sie sich versah, war das dumpfe Geräusch bereits erloschen und sie durfte die Augen wieder öffnen.

»Eine Frau mit großem Beschützerinstinkt. Herzlichen Glückwunsch, Sie sind durch und durch Verteidigerin!«

»Verteidigerin?«

»Ja, ihre Klasse.«

›Ah, da war was.‹

»Gut, dann haben wir es soweit. Sie können wieder gehen. Sollte es Ihnen einmal nicht gut gehen, dann kommen Sie jederzeit wieder hierher, wir kümmern uns dann um Sie!«

»In Ordnung, vielen Dank!«

Kryokrishna fiel ein Stein vom Herzen, als sie aus dem Behandlungszimmer trat und man ihr – wider Erwarten – keine unangenehmen Fragen gestellt hatte.

›Dann hat es wohl geklappt. Sehr gut.‹

Umso erstaunter war sie, als Jolis sie von der Seite angrinste.

»Da bist du ja, die Zeit ohne dich kam mir verdammt lange vor!«

Kryokrishna prustete, schüttelte den Kopf.

»So lange war das doch gar nicht.«

»Freu dich doch, dass ich dich vermisst hab.«

»Spinner.«

»Essen?«

Irritiert weiteten sich Kryokrishnas Augen, als Jolis sich vor sie stellte und ihr mit leicht gebeugtem Oberkörper eine Hand hinhielt.

»Wollen wir essen gehen? Ich habe gehört, dass es hier auf dieser Raumstation eine ganz vorzügliche Kantine geben soll.«

Kryokrishnas Wangen begannen vom dauerhaften Grinsen auf ihrem Gesicht langsam aber sicher zu schmerzen, dennoch erwiderte sie die offensichtliche Blödelei und machte einen tiefen Knicks.

»Aber sehr gerne, wie könnte ich da nur widerstehen?«

Sie legte ihre Hand auf seine und eine angenehme Wärme durchfuhr ihren Körper, als sie Hand in Hand mit Jolis zu der Kantine ging, nur um dort vor Aufregung kaum einen Bissen hinunterzubekommen.

~*~

Freudestrahlend traten Kryokrishna und Jolis aus dem Versammlungsraum der ISSO, nachdem eine erneute Teamfindung für beide erfolglos geblieben war.

»Nochmal Glück gehabt!«, grinste Jolis, schob Kryokrishna zur Seite und drückte sie gegen die Wand, um sie in einen leidenschaftlichen Kuss zu ziehen.

»Zu mir?«, brabbelte Kryokrishna, als Jolis seine Lippen von ihren löste.

»Besser zu mir, ich hab da noch was für dich!«, er drückte ihr noch einmal einen Schmatz auf, bevor er sie hinter sich herzog.

Kaum fanden sie sich in seinem Zimmer ein, griff er zu einer kleinen schwarzen Schachtel im Regal.

»Keine Ringe, keine Sorge!«

Kryokrishna, die zu dieser Zeit noch nie etwas von einem Hochzeitsritual gehört hatte und die Aufregung deshalb nicht verstand, nickte nur, öffnete dann das ihr überreichte Kästchen. Ihre Augen strahlten vor Freude, während sie die glänzenden Objekte begutachtete, die gut geschützt auf einem roten Stoff lagen.

»Ohrringe? Die sind ja hübsch!«

»Ja, sind sie. Und asymmetrisch! Ich hab die drüben in der Einkaufsebene gesehen und dachte mir nur: Wow, die schreien ja nach meiner Kryo!«

»Danke!«, lachte Kryo, der ein leichter Rotschimmer auf die Wangen schlich, »Dann muss ich mir nachher mal Ohrlöcher stechen lassen«

Jolis klatschte sich mit der Handfläche ins Gesicht, senkte dann den Kopf.

»Daran hab ich Idiot gar nicht gedacht!«

Kryokrishna ging zu ihm, drückte ihm einen Kuss auf die Stirn: »Ich mag deine Schusseligkeit. Macht dich unglaublich sexy!«.

»Sexy?«

»Jap.«

»Du hast eine komische Vorstellung von sexy!«

»Freu dich doch!«, grinste Kryokrishna, die versuchte, Jolis üblichen Unterton nachzuahmen, bevor sie die Schachtel mit den Ohrringen zur Seite stellte und ihn rücklings aufs Bett schubste.

~*~

Kryokrishnas Ohrringe flogen zur Seite, als sie wutentbrannt gegen die Wand schlug.

»Dieses widerliche ...«

Krampfhaft suchte sie nach einer Bezeichnung, die Jolis beschrieb, doch alle Schimpfwörter, die ihr in den Sinn kamen, erweckten in ihr nicht den Eindruck, nur ansatzweise zu genügen.

»Was fällt ihm ein!«

Sie krallte sich in die Unterarme, hinterließ dort mehrere sichelförmige Spuren in der Haut. Den dadurch erzeugten Schmerz nahm sie gar nicht wahr, zu sehr war sie in Rage.

›Er hatte doch gesagt, dass er ... ‹

»LÜGNER!«

Eine einzelne Träne kullerte ihr über die Wange, die ihr erst bewusst machte, dass sie weinte. Sie ließ sich auf ihr Bett fallen, schluchzte in das Kissen, das die salzige Flüssigkeit schnell verschwinden ließ.

›Du hast mich gar nicht verdient, du Arschloch!‹

Immer wieder sah sie die Szene, die sich vor wenigen Stunden abgespielt hatte, vor ihrem geistigen Auge aufblitzen. Wie Jolis dastand und eine andere Frau umarmte, sie küsste ... und wie er ihr eiskalt ins Gesicht log: Sie ist nur eine gute Freundin!

»Glaubst du doch selbst nicht, du Volltrottel. Die hab ich vorher noch nie gesehen, warum macht man denn ein Geheimnis aus einer Freundin? Und warum steckt man so einem Miststück die Zunge in den Hals!«, mit jedem gesagten Satz nahm ihre Lautstärke zu, doch erneut zu brüllen vermied sie, um ihre Wut nicht noch weiter zu schüren. Sie bemerkte, dass sie kurz davor war die Fassung zu verlieren, was ein Beobachter an ihren grünleuchtenden Augen sofort hätte ausmachen können.

Als sie daran dachte, dass Jolis am Tag zuvor in ein Team aufgenommen worden war und seine Abreise in den nächsten Tagen anstand, musste sie dann doch kurz grinsen.

›Die ganzen Frauen, die du verarscht hast ... die musst du jetzt wohl alle zurücklassen. Du Armer.‹

Sie ging ins Bad und stellte sich vor den Ganzkörperspiegel, in dem sie sich genau ansah.

›Nie wieder werde ich so naiv sein. Nie. Wieder. Ich bin eine stolze Batkaryn. Das darf ich nie wieder vergessen‹, ihr Blick fiel auf die Ohrringe, die zwischen ihren verwuschelten Haaren hervorblitzten. ›Und diese Ohrringe ... sollen mich immer daran erinnern‹.

Sie packte eine Bürste und kämmte sich die Haare, wobei sie ungewöhnlich rabiat vorging, jedoch keine Miene verzog, als es regelmäßig an der Kopfhaut ziepte.

›Aber der Rest kann weg. Ich hol mir ein neues Trainingsoutfit. Hab gehört, Frustshoppen kann mal ganz entspannend sein. Dann geh ich an diesem grauen Tag doch mal los und hole mir was in der passenden Farbe: Verteidigergrau.‹

Damit ging sie hoch erhobenen Hauptes aus dem Zimmer und in die Einkaufsebene, in der sie den restlichen Tag verbrachte und jeden aufkommenden Gedanken an Jolis sofort wieder verdrängte.

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