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Gescheitertes Salandrai

Schweigend saß Snak auf dem Fensterbrett der Kristallpyramide und beobachtete, wie Freiwillige den Saal der Zusammenkunft für das am Folgetag stattfindende Salandrai vorbereiteten.

Sereban schlich sich in das Zimmer, doch er war nicht unbemerkt geblieben, denn Snak warf einen bösen Blick in seine Richtung.

»Mein Sohn, ich bin so stolz, dass du das das Alter für dein Salandrai erreicht hast.«

Der Angesprochene sah zu Boden. Wenn es nicht für sein eigenes Überleben notwendig wäre, dann hätte er keinerlei Interesse daran gehabt, seinen Partner kennenzulernen. Doch da er nun 19 Jahre alt war und durch den Gendefekt, den sämtliche Ocri teilten, bestenfalls 21 Jahre alt werden würde, gab es keine wirkliche Alternative für ihn.

»Ich weiß, du möchtest davon nichts hören.«

Der Priester ging auf Snak zu und hielt ihn an den Schultern fest.

»Natürlich wird es anfangs ungewohnt sein in ständiger Begleitung sein zu müssen. Ich bin mir aber sicher, dass du dich schnell daran gewöhnst. Die meisten Ocri können sich ein Leben ohne ihren Partner nach ein paar Wochen gar nicht mehr vorstellen.«

Er zog ihn an sich heran und umarmte ihn. Snak seufzte.

»Ich versuche es ... «

»Das ist mein Junge!«

Mit einem Klaps auf die Schulter verabschiedete er sich von ihm und ließ ihn mit seinen Gedanken allein.

~*~

Genervt stand Snak in einem der zwei Räume, die für die Salandrai-Teilnehmer vorgesehen waren und beobachtete, wie Sereban die jungen Ocri nach und nach zu sich rief. Immer wieder ging er auf und ab, blieb dann wieder stehen, um sich die Zeremonie der anderen anzusehen.

›Hoffentlich hab ich das bald hinter mir. Keine Lust mehr, mir hier die Füße in den Bauch zu stehen.‹

Frustriert trat er gegen den Boden, als ob er Staub aufwirbeln wollte, den es in dem Raum jedoch gar nicht gab. Er ignorierte das Lachen und Geschnatter, das von den anderen Anwesenden ausging.

›Die können sich doch nicht ernsthaft freuen, ihre Freiheit zu verlieren.‹

Erst eine gefühlte Ewigkeit später – er hatte zwischenzeitlich die Augen geschlossen und lehnte sich mit verschränkten Armen an den Türrahmen – hörte er, wie der Hohepriester ihn ankündigte.

»Voller Stolz darf ich verkünden, dass nun auch mein Sohn das Alter für das Salandrai erreicht hat. Snak, bitte tritt nach vorne.«

›Na endlich.‹

Langsamen Schrittes trat er in den Saal der Zusammenkunft, dessen Sitzplätze fast vollständig besetzt waren. Er sah sich um, erkannte einige bekannte Gesichter, die allesamt begeistert lächelten und sich für ihn freuten. Nervosität stieg in ihm auf, als er sich noch einmal in Erinnerung rief, dass er in wenigen Minuten nicht nur offiziell als erwachsen galt, sondern mit dem Mann den Saal verließ, der ihn künftig sein Leben lang begleiten würde. Er blickte zu Boden und wartete voller Anspannung, dass sein Vater die gängigen Floskeln beendete und einen zweiten Namen nannte.

»Kriru, bitte tritt nach vorne.«

»Was zum-?!«

Ungläubig sah Snak zu dem jungen Mann vor ihm, der mit tosendem Beifall von der Menge empfangen wurde.

Kriru war ein Kriegsheld seines Volkes, der an der Auslöschung mehrerer verfeindeter Nachbardörfer beteiligt war und als einziger seiner Gruppe überlebte. Snak konnte und wollte in ihm keinen Helden sehen – der Hype um ihn war ihm zuwider.

»Hi!«

Mit einem breiten Grinsen stand Kriru da, hob kurz seine Hand zum Gruß. Ein Raunen ging durch die Menge, einige jüngere Ocri ließen enttäuscht den Kopf hängen, als sie begriffen, dass Kriru nun nicht mehr als möglicher Salandrai-Partner zur Verfügung stand.

In dieser Kultur zeigte man für gewöhnlich seine Zu- oder Abneigung ganz offen. Von klein auf wurde jedem Jungen mitgegeben, dass es vollkommen normal sei, wenn nicht jeder von jedem gemocht wurde. Die gesellschaftliche Ordnung ließ es in den meisten Fällen auch problemlos zu, unsympathischen Menschen aus dem Weg zu gehen – sofern dieser Mensch nicht der eigene Salandrai-Partner war.

»Mein Name ist Kriru.«

»Ich weiß. Meiner Snak.«

»Ich weiß.«

Krirus Grinsen wurde breiter, während Snak seine Mundwinkel unbewusst nach unten zog. Sofort fragte er sich, woher Kriru ihn kannte. Natürlich war sein Name als solcher bekannt, immerhin war er der Sohn des Priesters, jedoch zeigte er sich in diesem Zusammenhang immer mit Kapuze. In der Öffentlichkeit benutzte er seinen Namen nie, da er nicht besser behandelt werden wollte als andere.

»Lasst uns mit der Zeremonie beginnen!«

Snaks Vater trat auf ein Podest in der Mitte des Raumes, um die jährliche Zusammenkunft der neuen Salandrai-Partner fortzusetzen. Das Ritual war denkbar simpel: Beide erfuhren jeweils erst zu den Feierlichkeiten, wer ihr Partner war, sie wurden einander vorgestellt und gaben sich die Hand, um den Stoffwechsel ihrer Körper erstmals zu verbinden. Dann wurden sie unter Jubel ins Erwachsensein entlassen.

Der Priester sah leicht besorgt zu seinem Sohn. Als Kriru bemerkte, dass Snak zurückwich, wurde auch ihm unwohl.

»Gebt euch nun die Hand.«

Während Kriru Snak seine Hand entgegenhielt, rang dieser sichtlich mit sich.

»Snak!«

Sein Vater ermahnte ihn leise, doch davon ließ der Angesprochene sich nicht beeindrucken. Langsam schüttelte er den Kopf und ging dann noch einen Schritt zurück.

»Ich kann das nicht!«

Damit drehte er sich um und rannte davon.

Das Raunen im Publikum begann immer lauter zu werden. Am liebsten wäre Sereban ihm hinterhergelaufen und hätte ihn wieder in den Saal gezogen, doch er war pflichtbewusst und wusste, dass noch einige auf ihre Zeremonie warteten. Er stieg vom Podest und flüsterte Kriru etwas zu, der daraufhin die Verfolgung aufnahm.

»Fahren wir nun fort«, gab der Priester bekannt und ließ die nächsten beiden in den Saal führen, auch wenn es ihm schwerfiel weiterzumachen, als wäre nichts gewesen.

»Warte doch! Snak!«

Als der Gerufene feststellte, dass er verfolgt wurde, erhöhte er sein Lauftempo noch weiter. Den Atem um ein «Verschwinde!« zu rufen sparte er sich und konzentrierte sich stattdessen auf seine Flucht. Nachdem er die letzten Treppenstufen in den Hauptbau des Palastes hinter sich gebracht hatte, bemerkte er, wie unsportlich er eigentlich war. Schon wenige Meter weiter wurde er eingeholt und am Arm festgehalten. Er versuchte, sich loszureißen, doch Kriru drehte ihn stattdessen zu sich um. Mit entschlossenem Blick sah er ihm in die Augen, aber dennoch lag ihm ein Lächeln auf den Lippen.

»Ich verstehe, dass du Angst hast. Nimm dir noch etwas Zeit, wenn du sie brauchst.«

»Das hat nichts mit Angst zu tun!«

Snak wusste, dass er gerade gelogen hatte, versuchte aber, es sich nicht weiter anmerken zu lassen.

»Ich sehe in dir keinen Helden! Du hast Leute getötet!«

»Das weiß ich selbst am besten.«

Hier konnte Snak nichts mehr hinzufügen.

»Wenn ich es könnte, dann würde ich einiges anders machen. Aber das geht ja nicht.«

»Weißt du, was ich glaube?«

»Hm?«

»Du sagst das jetzt nur, weil du nur noch wenige Monate ohne Salandrai leben kannst und du mich irgendwie überzeugen willst.«

»So ist das nicht!«

»Ja, natürlich nicht.«

Snak verdrehte die Augen und befreite sich aus dem Griff seines Gegenübers. Krirus Blick konnte er nur ansatzweise deuten, doch es lag Traurigkeit darin. Nachdem Kriru sich kurz gesammelt hatte, verschwand diese Emotion aus seinen Augen.

»Überleg es dir. So eine schlechte Partie bin ich nun auch wieder nicht!«

Fassungslos über so viel Selbstvertrauen drehte sich Snak um und ging in Richtung seines Zimmers davon.

»Ich komm dann morgen wieder vorbei!«

»Du glaubst doch nicht, dass ich dich reinlasse?!«

»Du vielleicht nicht, aber dein Vater ganz sicher!«

Snak grummelte wütend vor sich hin und ging weiter. Leider hatte sein auserwählter Partner recht damit. Notfalls musste er sich etwas anderes einfallen lassen, um ihm aus dem Weg zu gehen.

»Immerhin will dein Vater nicht, dass du stirbst.«

Nun blieb der junge Heiler doch noch einmal stehen. Seine Augen weiteten sich erschrocken, denn so weit hatte er nicht gedacht. Jetzt, wo ihm ein Partner zugewiesen wurde, gab es kein Zurück. Lediglich der Tod von Kriru würde ihn selbst wieder zur Auswahl freigeben, doch in dieser Zeit tickte seine eigene Uhr weiter.

»Er kann mich nicht dazu zwingen.«

Ein Teil in ihm rief ihn zur Vernunft auf. Noch konnte er sich einfach umdrehen und Kriru akzeptieren, so würde er sich und ihn retten. Dann stünde er auch nicht als Sohn eines Priesters da, der einen Helden auf dem Gewissen hatte. Aber etwas in ihm sperrte sich vehement dagegen.

Snak zuckte zusammen, als Kriru plötzlich neben ihm stand, ihm durch die Haare wuschelte und zuzwinkerte.

»Aber vielleicht kann ich dich ja noch anders überzeugen. Bis morgen!«

Mit diesen Worten ging er in Richtung des Ausgangs davon und ließ Snak mit Zornesröte im Gesicht zurück.