Aus dem Leben des John Zwick

Die Strömung nahe dem Riff war an diesem Tag ganz besonders stark. Das sonst so klare Wasser war trüb von Sand, Dreck und unzähligen Plastikpartikeln. So sehr er sich bemühte – der Knallkrebs John Zwick konnte den wunderschönen Ausblick, den er von seinem Zuhause aus hatte, einfach nicht genießen.

John Zwicks Plankton Don Plank war unruhig, huschte in den Algen hin und her – ein weiteres Indiz dafür, dass etwas Außergewöhnliches geschehen würde. John Zwick juckte es in den Scheren. Nicht mehr lange und er wusste endlich, was der Tag für ihn bereithielt. Er klackerte voller Vorfreude mit seinen Scheren herum.

Er verließ sein Heim, ging hinunter zum Meeresgrund. Don Plank hatte er dabei immer in seiner Nähe, wobei dieser freudig um ihn herumschwamm. John Zwick streichelte ihn, woraufhin er ein leises Fiepen von sich gab. Sie drehten ihre übliche Runde – ein Ritual, dass sie drei Mal am Tag durchführten und ihre ungleiche Freundschaft kontinuierlich festigte.

Plötzliches Geschrei schreckte John Zwick auf. Große Schatten bildeten sich über ihm, die nach und nach größer wurden und damit näherkamen. Die sonst so ruhige Gegend versank im Chaos. Unterwasserschnecken rannten um ihr Leben, die Fische eines großen Schwarmes quetschten sich in die Ritzen des Riffs und brachten wütende Zitteraale dazu, ihren Unmut mit einem Stromschlag kundzutun.

Don Plank zog an der speziellen, schwer zu durchtrennenden Leine, die John Zwick mit seiner rechten Schere umgriffen hatte. Nur mit Mühe war es dem Krebs möglich, Don in seiner Nähe zu halten. Nun kam es, wie es kommen musste: Ein großer Fisch schwamm ungewollt in ihn und sorgte dafür, dass John ins Straucheln geriet und ungewollt Dons Leine losließ.

John Zwick ruderte mit seinen Scheren, versuchte, seinen kleinen Freund wieder einzufangen – vergeblich. Don schwamm im Zickzack hin und her, aufgrund des Mikroplastiks unfähig zu erkennen, was um ihn herum geschah.

Schockiert musste John Zwick mit ansehen, wie Don in den Plastikwolken verschwand und bald schon nicht mehr zu erkennen war. Ein Blick nach oben sorgte dafür, dass seine Pupillen sich ungläubig weiteten. Was er dort sah, ließ sein Blut gefrieren: Große Metallstücke sanken mit hoher Geschwindigkeit zum Meeresboden hinab. Direkt zu der Stelle, an der Don verschwunden war.

Wagemutig stürmte John Zwick in die Plastikpartikelwolke, seine Augen nur halb geöffnet. Er hätte sie genauso gut komplett schließen können, so gering war seine Sichtweite. Jede Sekunde kam John wie eine Minute vor. Er ging weiter und weiter in die Richtung, in der er Don vermutete.

Dann: ein plötzlicher Knall vor ihm. Eine Druckwelle sorgte dafür, dass John Zwick zurückgerissen wurde. Einige Meter flog er durch das Wasser, bis er die Kraft fand, erst zurückzuschwimmen und – sobald er auf dem Meeresgrund angekommen war – zu krabbeln. Einen Vorteil hatte der Sturz immerhin: Die Plastikpartikel waren davon gespült worden. Die Sichtweite hatte sich dadurch deutlich vergrößert.

John Zwick sah sich hastig um. Als er einige Schritte weiter ging, erblickte er seinen kleinen grünen Freund. Don lag eingequetscht unter einem Metallstück. John drückte dagegen, doch das Objekt war zu schwer, als dass er es beiseiteschieben oder gar anheben hätte können. Ehe er sich versah, gab Don ein letztes Fiepen von sich. Dann verstummte er für immer.

John Zwick erblickte einen großen Schatten, der schnell über die Meeresoberfläche huschte. Von diesem ausgehend fielen kaputte Netze und seltsam glitzernde Röhren, die zum Teil schon zerbeult waren, ins Wasser und sanken langsam hinab. Nahezu regungslos stand John Zwick da, betrachtete, wie die Objekte langsam gen Meeresgrund sanken.

Er war einer der wenigen Lebewesen dieses Riffs, die jemals gesehen hatten, was dieser Schatten war und was er zu bedeuten hatte. Seine großen Augen verengten sich zu Schlitzen. Menschen. Für gewöhnlich waren sie ihm egal, doch nun hatten sie eine Grenze überschritten, die er nicht mehr ignorieren konnte. Er würde Rache nehmen.

Ohne Zögern schwamm John Zwick hinauf zur Meeresoberfläche, wo das Schiff noch immer verweilte. Die Wogen brachten es zum Schaukeln. Als Krebs war John Zwick in der Lage, auch außerhalb des Wassers zu atmen. Daher hatte er keinerlei Bedenken, sich an einem der Seile, die arglos vom Schiff herabhingen, festzuhalten. Er nutzte all seine sechs Beine und seine beiden Scheren, um über den Strang hinauf auf das Deck zu gelangen.

Dort sah er sie dann: Die Menschen, die arglos Müll in das Meer warfen. Die Menschen, die keinen Gedanken an die Lebewesen um sie herum verschwendeten. Die Menschen, die seinen Plankton Don Plank getötet hatten.

Er spurtete hinüber zu den Wesen, die ihn zuerst gar nicht wahrnahmen und weiter ihr Schandwerk verrichteten. Erst als er dem ersten Mann auf das Bein krabbelte, schenkte dieser ihm Aufmerksamkeit.

»Was zur Hölle? Geh weg, du Scheißvieh!«

Der Mann schlug nach John Zwick, doch dieser ließ sich von den Schlägen nicht abhalten. Schritt um Schritt setzte er seinen Weg nach oben fort. Anstatt zu helfen, scherzten die Kollegen des Mannes gnadenlos über ihn. Das Lachen verging ihnen jedoch, als John Zwick auf dessen Schulter saß und mit einem gezielten Luftdruckschuss das Trommelfell seines Ziels zum Reißen brachte.

Der Mann schrie und taumelte. Erneut knallten John Zwicks Scheren nahe seinem Ohr, was ihn endgültig das Gleichgewicht verlieren ließ. Rumpelnd ging er zu Boden, stieß sich dabei seinen Kopf an der Reling an. Reglos blieb er liegen.

Schockiert beobachteten die Kollegen des Mannes das Geschehen. Währenddessen war ihnen jegliche Farbe aus dem Gesicht gewichen. John Zwick fühlte sich, als würde er die nahegelegenen Kreidefelsen ansehen. Ein Gefühl der Genugtuung stieg in ihm empor – es fühlte sich gut an, seine Gegner leiden zu sehen. So machte er sich daran, weiter aufzuräumen.

Wieder und wieder presste John Zwick seine Scheren zusammen, um damit Spannung aufzubauen und so eine Schockwelle auf seine Feinde loszulassen. Sobald diese benommen zu Boden gingen, krabbelte er auf ihre Gesichter. Dort angekommen rammte er seine Beine durch die Augenhöhlen und damit in die Gehirne seiner Opfer. Die, die den Müll ins Wasser geworfen hatten, ließ er deutlich länger leiden, indem er ihnen mit seinen Scheren die Schlagadern aufschnitt.

Bald schon zierten viele rote Schlieren das weiße Deck des Schiffes. Einer der Männer schleifte sich über das Deck, schob sich mit letzter Kraft über eine Lücke der Reling ins Wasser. Sekunden später ertönte ein Schrei. Ein Hai gönnte sich das Bein des Mannes zu Mittag. John Zwick lachte leise auf.

Böse Blicke können nicht töten. Wäre dem so, hätten sich diese und das Knallen, das John Zwick immer wieder mit seinen Scheren von sich gab, ein Wettrennen liefern müssen, um ihr Anrecht auf die Todesursache zu erheben.

John Zwick ging über die Leichen und betrachtete sein Werk. Es war, als schritt er über die Müllberge, die sich am Meeresgrund gesammelt hatten. Sein Blick wanderte zu der Küste, von der das kleine Boot gestartet war. Er würde erst ruhen, wenn er die Menschen, die die Natur nicht zu schätzen wussten, vollständig eliminiert hatte.

Er sprang ins Wasser und ließ sich zum Meeresgrund herabsinken, um Don Plank die letzte Ehre zu erweisen. Danach würde er sofort aufbrechen, denn nichts hielt ihn mehr an diesem Ort.

Seine Mission war noch nicht zu Ende, doch ein Anfang war getan.

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