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Adventszeit 7

Nach dem Festessen waren alle bis auf Eunuvea am Besprechungstisch sitzen geblieben. Die Magierin sah immer wieder ungeduldig aus dem Gemeinschaftsraum und grummelte leise vor sich hin: »Wann kommt ihr denn endlich?«.

Als es ihr schließlich zu lange dauerte, ging sie zu ihnen und stemmte ihre Arme in die Hüfte: »Warum hockt ihr hier noch rum? Wolltet ihr nicht Bescherung machen?«.

»Die Geschenke rennen doch nicht weg!«

»Wir sind nicht so trainiert wie du, was das Daueressen angeht.«

»Wenn du möchtest, dann kannst du ja die Geschenke herbringen und wir öffnen sie hier.«

»Es ist doch gar kein Platz auf dem Tisch ... «

»Wenn man vorher abräumt, dann schon.«

Eunuvea plusterte empört die Backen auf, sah schließlich aber doch ein, dass die Körper ihrer Kameraden gerade alle Energie für die Verdauung brauchten: »Na gut, dann warten wir halt noch, ich räum solange ab. Ich stell übrige Essen erstmal in der Küche ab, falls jemand noch was will«.

Eunuvea nahm eine Platte mit Resten hoch und brachte diese wie angekündigt zurück in die Küche. Als sie wiederkam, sah sie Malique mit vorwurfsvollem Blick an. Dieser seufzte nur und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht: »Was denn?«.

»Du hast vorhin gar nicht das Lebkuchenhaus geholt, wie du versprochen hattest!«

»Warst du nicht auch satt ... ?«, Malique zog eine Augenbraue nach oben. Eigentlich war er viel zu erschöpft, um jetzt noch eine derartige Diskussion zu führen.

»Ja, schon, aber ...«

»Du kannst es doch jetzt noch probieren. Fangt bitte nicht an zu streiten«, ermahnte Windomir sie mit leicht genervtem Ton, der beide zur Besinnung brachte. Bisher hatte der Sebaita nur einmal die Stimme erhoben und dabei sollte es wenn möglich bleiben. Malique wurde unwohl zumute, als er an den Wutanfall seines besten Freundes dachte, daher entschuldigte er sich bei Eunuvea, bevor die Situation überhaupt eskalieren konnte.

»Tut mir leid, ich hab da nicht dran gedacht.«

»Schon okay«, seufzte Eunuvea und nahm die nächste Platte, um sie ebenfalls fortzutragen.

»Das dauert ewig, wenn sie das alleine macht«, stellte Kryokrishna fest und rappelte sich auf, um ihr zu helfen. Nun gab auch Snak sich einen Ruck, räumte das benutzte Besteck und die Teller zusammen und räumte diese in die Geschirrspülmaschine.

Malique sah zu Windomir und anschließend zu Kriru. Beide hatten denselben Gesichtsausdruck, wie er ihn gerade haben musste, denn er kam sich blöd vor, einfach sitzen zu bleiben.

»Ach, hilft ja nichts.«

Als Malique aufstand, taten die anderen beiden es ihm gleich – sie wollten sich schließlich nichts vorwerfen lassen.

»Na, geht doch!«, grinste Eunuvea, die sich kurzerhand auf ein Sofa im Gemeinschaftsraum setzte, während ihre Teamkameraden den Rest erledigten. Niemand sprach sie darauf an, da sie mit dem Abräumen begonnen hatte. Sie sah zufrieden auf den Tannenbaum, betrachtete das beruhigende Flackern des künstlichen Lichts.

›So lässt es sich aushalten.‹

»Dann wollen wir mal«, Eunuvea flog ein Stück nach oben, als sich Windomir schwungvoll neben sie auf das Sofa fallen ließ. Der Schock stand ihr aber nur für einen Moment ins Gesicht geschrieben, dann fing sie sich wieder, da sie realisiert hatte, dass nun die Zeit für die Geschenke gekommen war.

Malique, der als letzter in den Gemeinschaftsraum kam, nahm die Geschenke und packte sie nach und nach auf den Tisch, damit niemand mehr aufstehen musste. Dann ließ er sich selbst aufs Sofa fallen und lehnte sich zurück. Er blickte in die Runde, da alle ehrfürchtig die bunten Kisten ansahen. Offensichtlich traute sich keiner, das für ihn bestimmte Präsent als erstes zu öffnen. Malique schmunzelte, denn so zurückhaltend kannte er sein Team nicht. Gleichzeitig genoss er die Stille, die eingekehrt war.

Vorsichtig reckte Eunuvea sich nach oben, spitzelte auf die Namensschilder, die an den Paketschleifen hingen. Als sie schließlich ihres gefunden hatte, fixierte sie es und kräuselte die Lippen, während sie überlegte, ob sie nicht einfach den Anfang machen sollte.

»Trau dich ruhig!«, lachte Malique, als er sie eine Weile beobachtet hatte. Eunuvea grinste, denn das wollte sie sich nicht zweimal sagen lassen. So nahm sie das Paket in die Hand, betrachtete den schimmernden Effekt des dunkelroten Geschenkpapiers, bevor sie an der hellblauen Schleife zog. Nachdem sie beobachtet hatte, wie das Band sich automatisch wieder zu einer Kugel zusammenrollte, drückte sie auf einen unauffälligen Punkt, der zuvor unter dem Band versteckt gewesen war. Nun entfaltete sich auch das Geschenkpapier und gab eine schwarze Kiste preis, die Eunuvea hochhob, sodass das Papier auch die restlichen Faltvorgänge abschließen konnte und so letztlich wieder zum Ursprungszustand zurückgekehrt war. Vorsichtig setzte Eunuvea die Kiste auf ihrem Schoss ab, legte beide Hände an jeweils eine Seite und hob den Deckel nach oben. Ihre Augen begannen zu glitzern, als sie eine kleine Statue entdeckte, die ihr nachempfunden war. Behutsam nahm sie diese aus der Kiste, aus Sorge, sie könne sie beschädigen.

»D-das bin ja ich?«, stellte sie noch einmal fest und entdeckte nun die Inschrift, die der Sockel trug: beste Magierin des Universums.

Ein leises Schluchzen entwich ihr, dann stellte sie die Statue sorgsam auf dem Couchtisch ab. Sie sah in die Runde, um anhand des Gesichtsausdrucks ausfindig zu machen, wer ihr dieses Geschenk gemacht hatte. Während Kryokrishna, Snak und Malique den kitschigen Gegenstand begutachteten, ließen Kriru und Windomir sich nicht in die Karten schauen. Sie überlegte einen Augenblick, dann lächelte sie Windomir an.

»Ich danke dir vielmals!«

Windomirs Wangen färbten sich lila, doch er grinste nur zurück: »Dank nicht mir, dank dem Wichtel!«.

Für einen Moment war sie sich nicht mehr sicher, ob sie mit ihrer Vermutung wirklich richtig gelegen hatte, doch da Kriru keinen enttäuschten Eindruck machte, relativierte sich ihre Befürchtung wieder.

»Dann danke ich dem Wichtel!«, lachte Eunuvea, nahm die Statue wieder in ihre Hände.

›Geschmäcker sind verschieden‹, stellte Malique fest, wartete darauf, dass der nächste sein Geschenk zu sich nahm.

»Wenn sonst keiner will, dann mach ich«, schlug Windomir vor und fixierte das größte Paket auf dem Tisch. Keiner meldete sich zu Wort, was er als stilles Einverständnis interpretierte und machte sich daran, sein Geschenk zu öffnen. Sorgsam legte er das Papier und die aufgerollte Schleife zur Seite, dann wagte auch er einen Blick in die Box.

»Das ist ... ein traditioneller sebaitischer Krug! Ich wusste gar nicht, dass es die inzwischen auf der ISSO zu kaufen gibt.«

Kryokrishna öffnete kurz den Mund, erinnerte sich dann aber daran, dass es ein Geheimnis bleiben sollte, wer wen beschenkte. Doch Windomir hatte ihre Reaktion bereits gesehen, und bedankte sich bei ihr.

»Das kann ich wirklich gut gebrauchen!«, grinste Windomir und Kryokrishna nickte: »Das freut mich!«.

»Dann mach du jetzt einfach direkt deines auf!«, Kryokrishna blinzelte, als Windomir dies vorschlug, zuckte dann aber mit den Schultern. Sie war sehr genügsam und hatte bereits im Vorfeld festgestellt, dass ihr Wichtel es mit dem Geschenkekauf deshalb sehr schwer haben würde. Umso neugieriger war sie nun, was ihr denn gekauft wurde. Strahlend nahm sie einige Sekunden später ein Plüschtier in die Hand: Ein Abbild eines kugelrunden, flauschigen Geschöpfes namens Irlopi – eines der niedlichsten Geschöpfe, die das Universum zu bieten hatte.

»Das ist ja süß, danke!«, demonstrativ knuddelte sie das Plüschtier und bemerkte dann, dass sich noch ein weiteres kleines Geschenk darin befand, das sie jedoch erst später aus der Kiste nehmen wollte: Ein herzförmiger Anhänger, der ein Bild von ihr und Malique zeigte. Ihr rechtes Augenlid zuckte leicht, dann lugte sie über den nicht vorhandenen Brillenrand hinweg zu Snak, der sich auf die Innenseiten der Wangen biss, um nicht in Gelächter auszubrechen.

›Das kriegst du wieder. Sowas nennt sich bester Freund‹, lächelnd legte sie ihr Plüschtier wieder in die Box und versteckte damit den Anhänger.

Zwar hatten die anderen das ungewöhnliche Verhalten Kryokrishnas bemerkt, doch keiner wagte zu fragen, was denn das zweite Geschenk war.

Da die verbleibenden Drei keine Anstalten machten, ihre Überraschung zu nehmen, reichte Eunuvea kurzerhand Kriru die kleinste Kiste, die auf dem Tisch stand.

»Damit wäre ja schon mal geklärt, wer mir das geschenkt hat!«, lachte Kriru und wartete geduldig, bis sich das Geschenkpapier zusammengefaltet hatte. Er öffnete die Kiste und sah auf eine kleine Karte, die er nach oben hob: »Das ... wow, das war sicher teuer!«.

»Was ist das denn?«, Snak spitzelte hinüber und las den Text auf der Karte vor, »Gutschein für die Aufnahme eines Demo-Songs in einem professionellen Tonstudio«.

»Deine Singstimme ist so unglaublich schön, da musst du was mit machen!«, schwärmte Eunuvea, die Snaks eifersüchtigen Blick ignorierte, »Wer weiß, vielleicht bin ich ja bald nicht mehr der einzige Star der Truppe!«.

Kriru lachte, bezweifelte aber, dass er die Ausdauer für das Showbusiness hatte.

»Mal sehen, aber ich bin gespannt, wie sich meine Gesangsstimme anhört. Danke!«

Windomir sah zu Malique und Snak, die ehrfürchtig auf die beiden verbleibenden Geschenke sahen. Er schmunzelte.

»Nicht drängeln, jeder kommt dran!«

»Mach du ruhig zuerst!«, lächelte Malique, woraufhin Snak sein Präsent in die Hand nahm, um es zu öffnen. Währenddessen ging Malique gedanklich durch, wer ihm denn sein Geschenk gekauft haben könnte.

›Muss dann ja eigentlich Kriru gewesen sein. Da bin ich ja mal gespannt. Aber erstmal schauen, was Snak zu meinem Kauf sagt.‹

Snak nahm eine Decke aus der Kiste, die er augenblicklich ausbreitete, um das Motiv zu erkennen: ein Sandstrand bei Sonnenuntergang. Auf Snaks Gesicht schlich sich eines seiner seltenen Lächeln, als er an den letzten – und bisher einzigen – Strandbesuch dachte, den sie kürzlich gemacht hatten. Zwar war Ocron ein Wüstenplanet und mit Wasser konnte Snak als Nichtschwimmer wenig anfangen, doch aus irgendeinem Grund entspannte ihn der Anblick. Sofort kuschelte er sich in die Decke ein, um sich aufzuwärmen. Da er regelmäßig fror, war dies das perfekte Geschenk für ihn.

»Danke!«, grinste er in Maliques Richtung. Kurz wunderte sich Malique, doch dann fiel ihm ein, dass Snak Kriru als Wichtel aufgrund des gemeinsamen Zimmers wohl ausschließen konnte.

»Gern«, verlegen kratzte sich Malique an der Wange, nahm dann das letzte Geschenk an sich. Im Gegensatz zu den anderen Paketen handelte es sich nicht um eine Box, sondern um eine röhrenförmige Verpackung. Während die Umverpackung sich selbst entfernte, warf Malique einen prüfenden Blick zu Kriru, der ihn gespannt beobachtete.

»Ein besseres Geschenk hättest du für ihn wirklich nicht finden können!«, grinste Kryokrishna. Verwirrt sah Malique zu der Röhre hinunter, die im Gegensatz zu den anderen Geschenken nicht nochmal eine Umverpackung hatte. Stattdessen prangte ein Schriftzug auf dem Karton, den er gleich mehrmals las, bevor er schließlich erstaunt ein »Danke!« herauspresste. Noch einmal las Malique, was er da in Händen hielt, um jeglichen Zweifel zu beseitigen. Holographische, interaktive Sternenkarte stand dort geschrieben.

»Darauf spar ich schon, seitdem ich auf der ISSO bin!«, offenbarte Malique und fügte gedanklich hinzu, ›Und nachdem ich meinen Studienkredit abbezahlt hatte‹.

»Danke, Kriru! Die muss ich nachher gleich ausprobieren!«

»Mach doch jetzt!«, schlug Windomir vor und deutete auf den Tisch vor ihnen.

Maliques Herz machte einen kurzen Satz, als er dies hörte und er die neugierigen Blicke der restlichen Teammitglieder sah.

Malique holte die Matte hervor, die die Projektion übernahm und rollte diese auf dem Tisch aus. Ohne weiteres Zutun ermittelte sie den Standort der Crescent und zeigte die umliegenden Sterne an. Neugierig zoomte er mit einer Vergrößern-Geste näher an den Aufenthaltsort der Crescent, die als grünes Raumschiff eingeblendet wurde und versank schon bald darin, die Details der nahgelegenen Planeten durchzulesen.

Ein glückliches Lächeln schlich sich auf sein Gesicht, als er noch einmal in die Runde sah.

›Dieses Team ... das war das schönste Weihnachten, das ich bisher hatte!‹

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